Keine grauen Haare

Heute gibt es an dieser Stelle eine etwas traurige Geschichte. Denn ich musste in der vergangenen Woche Abschied nehmen. Nein, es ist niemand gestorben. Aber: Ein Wegbegleiter, dem ich jahrzehntelang die Treue gehalten habe, ist nun nicht mehr da. Ich meine den Frisörsalon Knips im Fuldaer Bermudadreieck.

Von Steffen Reith

Viele Männer in meinem Alter brauchen ja gar keinen Frisör mehr. Den grauen Haarkranz kriegt man(n) auch selber hin. Oder halt die Partnerin. Insofern bin ich ja gesegnet. Ziemlich volles Haar – und das ist auch noch ungefärbt dunkel. Darum beneiden mich ja viele. Selbst beim Kollegen Bensing findet man im Haupthaar mehr silberne Fädchen als bei mir. Dabei ist er fünf Jahre jünger als ich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Frisör Knips bin ich als ganz junger Sportredakteur der FZ gekommen. Das war ziemlich cool. Man brauchte keinen Termin, setzte sich in der Mittagspause einfach auf die rote Couch und ruckzuck war man dran. Und ganz wichtig: Ich war nie wirklich unzufrieden mit meiner Frisur.

Diese Kontinuität zwischen Knips und Reith wurde dann noch intensiver, als Steffi sich dauerhaft meiner annahm. Sie hat beim Knips gelernt, ist dort Frisörmeisterin geworden und eine der prägenden Figuren des Salons. Bei meinem leider letzten Besuch am vergangenen Dienstag stellten wir fest, dass sie sich knapp 20 Jahre lang mit meinem Haupthaar beschäftigt hat. Sie hat übrigens viele Jahre direkt neben dem Knips gewohnt. „Das war tatsächlich mein Zuhause“, sagt sie.

Mein letzter Besuch war schon irgendwie seltsam und auch emotional. Es gab Zeiten, da kam man kaum in das Geschäft rein. Dieses Mal stand Besitzer Andreas „Muhli“ Muhl telefonierend vor dem Salon, drin war neben Steffi noch die Frisörin Anke, die schlappe 35 Jahre lang hier gearbeitet hat. Ich war einer von zwei Kunden. Ein gespenstisches Szenario. Aber wir haben das Beste aus der Situation gemacht und viel gelacht.

Der „Muhli“ hatte neben dem Knips auch noch das Schöppchen in der Nachbarschaft, pendelte stets zwischen Salon und Kneipe. Dass dieser Stress bis zum Rentenalter nicht auszuhalten ist, war absehbar. Nun hat er die Reißleine gezogen, den Zapfhahn nach oben geklappt und die Schere beiseite gelegt. Verständlich. Ich wünsche ihm und allen Mitarbeiterinnen alles Gute.

Und wie geht es jetzt mit mir und meiner Frisur weiter? „Lass dir deshalb mal keine grauen Haare wachsen“, hat Steffi gesagt und mir ein Kärtchen in die Hand gedrückt. Ihr neuer Salon ist gar nicht so weit weg. Und bis ich mich selbst um meinen grauen Haarkranz kümmern kann, soll bitte noch ein bisschen Zeit vergehen.

Mitdiskutieren

Neuester Blogbeitrag