Reither Spitze, Seniorenwindel und ein Kartenchaos

Die ersten Tage meines neuen Lebensjahrzehnts haben durchaus turbulent begonnen, liebe ständig wachsende Fangemeinde. Am Tag nach meinem Wiegenfest feierte meine Schwiegermutter Geburtstag, dann machte ich mich am Montag nach Bonn beziehungsweise Königswinter auf, um am Dienstag  ein Seminar zum Thema Reden schreiben zu halten. Was ich nicht wusste: Man kann bei seinem eigenen Seminar selbst noch was lernen. Aber das ist eine andere Geschichte. Nach meiner Rückkehr hat tags darauf mein Papa seinen heißgeliebten Allrad-Chevrolet zerlegt. So ein Bagger hat dann doch ein bisschen mehr Knautschzone als ein SUV. Nun ja, die Karre ist Geschichte. Schuldfrage noch nicht geklärt. Ich sage mal: der Baggerfahrer. Denn: Wer baggert, ist meistens Schuld. Das absolute Highlight aber der ersten Woche im sechsten Lebensjahrzehnt: Ich habe Geschenke ausgepackt. Hiervon handelt der erste Blogtext einer neuen Epoche.

Von Steffen Reith

Wie im Vorspann geschildert, bin ich kaum zur Ruhe gekommen. Deshalb kam ich erst mit viertägiger Verspätung dazu, mal zu schauen, was die Gäste denn so mitgebracht hatten. Ich hatte mir Geld gewünscht, um die exzessive Sause bezahlen zu können. Aber freilich war ich auch sehr glücklich darüber, dass es noch einiges zum Auspacken gab. Besaufen kann ich mich jetzt täglich, bis ich 60 bin. Weil man Alkohol in Maßen genießen soll und ich mich daran halte, dürfte der geschenkte Stoff bis zum Lebensende reichen. Außerdem: Bücher, Bilder, eine Karikatur, Fressalien – und viele nette geschriebene Worte. Das hat mich echt sehr berührt. Überdies: originelle Bayern-München-Fanartikel, ein Schlips, mit dem man Flaschen öffnen kann, Zigaretten – dabei rauche ich doch eigentlich so gut wie gar nicht.

Jedenfalls tat mir nach eineinhalb Stunden schon ordentlich der Rücken weh, weil ich im Wohnzimmer auf dem Fußboden lag. Es war ja schließlich so viel Material, dass ich es nicht auf einem Tisch lagern konnte. Meine Frau protokollierte und zählte die Kohle, während ich mit der Schere all die Schleifchen entfernte, die die Präsente verziert hatten. Gutscheine gab es auch: Hauptsächlich aus der Gastronomie. Die Leute wissen halt, was der Steffen mag. Und die Gästen lesen tatsächlich unsere Blogtexte. In Erinnerung an mein Missgeschick beim Bergwandern bekam ich gleich zwei Gürtel geschenkt. Meine Freunde aus der „La Familia“ hatten gar den Berg, die „Reither Spitze“, nachgebaut und einen Lederriemen herumgelegt.

Natürlich gab es auch einige meiner Freunde, die mich mal so richtig auf die Schippe nehmen beziehungsweise sich rächen wollten. So zum Beispiel ein relativ bekannter Sportjournalist, der ein gewichtiges Wort in der osthessischen Fußballszene zu sprechen hat. Ich hatte ihm zum 48. Geburtstag einen Gutschein aus der Apotheke überreicht. Fand ich sehr originell und passend. Kann man doch immer mal gebrauchen.

Jedenfalls hatte er tags zuvor schon telefonisch angekündigt, dass ich mich über sein Präsent wohl nur dezent freuen würde. Und so war mir gleich klar, von wem die Windel für Senioren stammte. Da musste ich gar nicht in die Karte schauen. Da stand dann: „Wenn mal etwas in die Hose geht.“ Ich habe das Präsent nicht entsorgt. Man weiß ja nie. Aber in einem bin ich mir sicher: Er hat erst selbst so ein Modell anprobiert. Und für mich dann eine geordert, die eine Nummer kleiner ist.

Viel gelacht und viel gefreut habe ich mich an diesem Abend. Aber es ist tatsächlich anstrengend, Hunderte von Präsenten zu öffnen. Auch meine Gattin war geplättet vom Protokollieren und vom Geld zählen. Aber die steckt auch so was besser weg als ich. Genauso wie eine zwölfstündige Geburtstagsparty. Sie ist halt auch jünger als ich.

Für mich war klar: Die tollen Karten mit den lieben Wünschen werde ich behalten. Und so suchte ich ein entsprechendes Gefäß, um die Erinnerungsstücke zu deponieren. Im Büro fand ich auf dem Regal eine kleine Holzkiste. In der rechten Hand hatte ich meine Glückwunschkarten, mit links wollte ich die Kiste runterholen. Wer mich kennt, der weiß, dass das nicht klappen konnte. Die Kiste fiel runter, meine Karten auch. Dummerweise war der Kasten auch noch gefüllt. Mit Einladungen aus den vergangenen Jahrzehnten, die meine Frau gesammelt hatte. Und so saß ich nun vor einem riesigen Berg von Karten: Einladungen und Glückwünsche hatten sich derart vermischt, als hätten sie viele Jahre gemeinsam in der Kiste verbracht. Ne Dreiviertelstunde brachte ich fluchend damit zu, die beiden Stapel wieder voneinander zu trennen.

Du siehst, liebe ständig wachsende Fangemeinde: In vielen Bereichen ist der Steffen auch mit 50 derselbe geblieben. Der gleiche Tollpatsch wie mit 25, 36 oder 47.

Jetzt muss ich mich erst mal kurz ausruhen. Bin ja schließlich ein älterer Herr. Mal schauen, was sich an den nächsten Tagen so ereignet. Ich halte dich auf dem Laufenden, liebe ständig wachsende Fangemeinde.