Der Kaiser, der kann es

Manchmal, liebe ständig wachsende Fangemeinde, sind auch die gutherzigen Kanaillen von Bensing & Reith nicht vor charakterlichen Fehlern gefeit. Bei Nico kommt ein solcher schon mal eher vor, bei mir eigentlich gar nicht. Trotzdem habe ich mich selbst nun bei einem solchen erwischt. Ich bedauere zutiefst, dass ich mich einem Vorurteil hingegeben habe. Und deshalb scheue ich mich auch nicht davor, meine Meinung in diesem Blogbeitrag vor Tausenden von Lesern zu revidieren. Und sage nun bereits im Vorspann des Textes: Roland Kaiser ist ein großartiger Sänger und Entertainer. Seine Show am Mittwochabend in Bad Hersfeld war allererste Sahne. Ich kann es bezeugen, ich war dort. 

Von Steffen Reith

Es war im wahrsten Sinne des Wortes vor einigen Monaten eine Schnapsidee, die uns zu diesem denkwürdigen Konzert nach Bad Hersfeld brachte. Wintergrillen war angesagt, der Großteil meiner Clique, die sich „La Familia“ nennt, war schon recht gut drauf, als das Thema Hessentag und Roland-Kaiser-Konzert aufkam. Erst hieß es, dass da nur die Frauen hinfahren, dann kamen nach und nach auch einige meiner Kumpels um die Ecke und verkündeten rotwangig, dass sie da auch mit hinfahren werden. Ich konnte es nicht fassen: Roland Kaiser, dieser Schmalzbrocken, der zu Hitparade-Zeiten von all diesen gelackten Schlagerfuzzis tatsächlich der gelackteste war? Da wollten die hin? Unfassbar! Nun ja, was soll ich sagen: Einige Glühwein und einige Schnäpschen später war ich irgendwie doch Teil der eigenartigen Reisegruppe.

Monate- und wochenlang hatte ich den Termin verdrängt, die Eintrittskarten, an der Küchenpinnwand hängend, ignoriert. Dann wurde ich von meiner Gattin darauf hingewiesen, für Mittwoch einen halben Tag Urlaub bei Herrn Bensing zu beantragen, weil wir ja auf den Hessentag nach Bad Hersfeld zu Roland Kaiser fahren. Das mit dem Urlaub beantragen ist natürlich ein Scherz, liebe ständig wachsende Fangemeinde! Aber sagen, dass ich nicht da bin, muss ich ja schon. Der Kollege brach jedenfalls im Gedankenturm in seiner Dachschräge sitzend in schallendes Gelächter aus, als ich ihm offenbarte, wohin mein halber Urlaubstag mich führen sollte.

Es wunderte mich gar, dass er angesichts seines Alters überhaupt mit dem Namen Roland Kaiser etwas anfangen konnte. Übrigens: Ich habe noch eine Personalie vergessen. Vor Roland Kaiser sollte nämlich noch Ben Zucker auftreten. Das ist der mit der rauchigen Stimme, ein Roland Kaiser der Neuzeit quasi.

Nun war am Mittwoch der Tag der Begegnung: Steffen meets Roland, Steffen meets zuvor Ben. Mit dem Zug hatte sich unsere illustre Reisegruppe auf den Weg nach Bad Hersfeld gemacht, bei strömenden Regen kamen wir an. Mehrere Hessentagskonzerte waren bis zu diesem Zeitpunkt schon aufgrund der Witterung ausgefallen. Und irgendwie war es meine Hoffnung, dass es mit dem Kaiser-Auftritt ähnlich wird.

Von wegen. Zwei Stunden vor Beginn des Konzertes verscheuchte die Sonne die Regenwolken, Stimmung und Vorfreude im Publikum stiegen minütlich.

Ich möchte jetzt keine Konzertbesprechung hier platzieren. Aber so viel sei schon mal gesagt: Ben Zucker war gut, Roland Kaiser war supergeil. Hat mir echt sehr gut gefallen, der Kaiser, der Roland. Gute Musiker, klasse Texte und jede Menge Lieder, die ich tatsächlich mitsingen konnte. Zumindest zum Teil. Der Typ war echt spitze. Hat super gesungen, war höflich zum Publikum, ein echter Entertainer eben.

Bei der Recherche für den Blogtext habe ich dann noch einiges über Roland Kaiser erfahren. Der Typ ist echt außergewöhnlich. Dass er Adoptivkind ist und eine Lunge transplantiert bekommen hat, ist an sich schon absolut erwähnenswert.

Aber es gibt noch ein Thema, das so schier unglaublich und derart selten ist, dass man den Roland unter Artenschutz stellen sollte. Er ist nämlich SPD-Mitglied. Sehr wahrscheinlich ist er dann auch SPD-Wähler. Sachen gibt es.

Jedenfalls tue ich Buße für mein Vorurteil: Ich werde wohl einen Roland-Kaiser-Fanclub Osthessen gründen.

Anmeldeformulare wird es dann zeitnah bei uns im Gedankenturm geben. Mal schauen, wie lange es dauert, bis wir mehr Mitglieder als die SPD haben. Man weiß es halt nicht genau. Aber wie sagte der Kaiser einst: „Schaun mer mal“. Dem füge ich nun nichts mehr hinzu.