Die Geschichte eines glücklichen Scheiterns

Ich gebe zu, ich bin gescheitert. Meine Weggefährten und ich haben unser Ziel nicht erreicht. Sind wir nun traurig, enttäuscht und deprimiert? Nö. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sind stolz darauf, es nicht getan zu haben. Liebe ständig wachsende Fangemeinde, du fragst dich jetzt wohl, was mit dem Steffen passiert ist. Er spricht in Rätseln. Ich kläre auf, versprochen! 

Von Steffen Reith

Wir waren wandern. Nicht so wie Kollege Bensing mit seinem Pipifax-Jakobsweg. Nein, so richtig wandern, mit Höhenmetern und so. Dumm nur, dass es zwei Tage ordentlich regnete. Da war zwischendrin also mal Shopping angesagt. Kaufen statt laufen! Teuer war das. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit acht Leuten waren wir in Seefeld in Tirol. Und die Hälfte davon machte sich am dritten Tag des Urlaubs auf, um zur Nördlinger Hütte zu wandern. Die liegt auf schlappen 2238 Metern. Die Strecke an sich ist von Seefeld aus wahrlich nicht lang. Es geht halt nur steil und kontinuierlich bergauf – denn Seefeld liegt auf 1180 Höhenmetern.  Bis auf einen kleinen Rutscher unseres Teamleiters haben wir das auch gut hinbekommen. Der Ausblick war sensationell, die Speckknödelsuppe und das Weizenbier nach Ankunft auf der Hütte ebenso.

Doch wir waren eigentlich noch nicht am Ziel. Direkt vor der Nördlinger Hütte liegt nämlich die Reither Spitze. Ja, liebe ständig wachsende Fangemeinde, du hast richtig gelesen: Das Ding heißt Reither Spitze. Sie wurde nicht vergangene Woche nach mir benannt. Sie hieß vorher schon so. Der Nachbarort von Seefeld heißt nämlich Reith. Und liebe Fans, verschwendet bitte keinen Gehirnschmalz und versucht euch in schlüpfrigen Witzen über die Wort-Kombination Reith und Spitze. Alle Späßchen wurden in den jüngsten Tagen schon gemacht. Andererseits: Wenn einem noch was wirklich Gutes einfällt, dann her damit. Das Wort „besteigen“ braucht ihr aber nicht zu verwenden. Ich denke, da sind alle Variationen schon durch.

Der Aufstieg zur Reither Spitze ist hoch und steil und beschwerlich.

Gut gestärkt und guten Mutes machten wir uns also von der Hütte aus auf, um die Reither Spitze (2374 Höhenmeter) zu erklimmen. Aber irgendwie geht es da schon verdammt steil hoch. Und einen richtigen Weg konnten wir auch nicht erkennen. So kletterten wir mit einer schwitzigen Hand am Stahlseil entlang in einen Felsen hinein. Uns war es wahrlich nicht geheuer. Zumal wir stets daran dachten, diesen Fucking-Weg auch wieder runtergehen zu müssen. Die Meinungen in der Gruppe waren unterschiedlich. Jedenfalls hatten wir uns zuvor darauf geeinigt, dass wir entweder zusammen oder gar nicht hochgehen. Auf der Hälfte des Weges machten wir schließlich einvernehmlich kehrt. Das war keine ganz so dumme Idee. Zumal mir auf dem Weg zur Spitze der Gürtel  kaputt ging und ich mich auch noch damit beschäftigen musste, meine Hose festzuhalten.

Es fällt mir schwer zu erwähnen, dass uns auf dem Weg nach oben ein Paar in Turnschuhen sowie gut aufgelegte Holländer, die sich nicht mal festhielten, entgegenkamen. Für die war wohl alles nur ein Klacks. Für uns nicht. Der Abstieg über 1166 Höhenmeter war übrigens auch so nicht so ohne. Mit rutschender Hose schon mal ganz und gar nicht.

Unten im Tal grämten wir uns nur kurz, unsere Tour nicht ganz auf die Spitze getrieben zu haben. Aber tatsächlich nur kurz: Denn wir waren stolz auf das Erreichte und auch stolz darauf, dass die Vernunft gesiegt hatte. Und viermal halbe Reither Spitze ist ja irgendwie auch zweimal ganz.

Aber trotzdem wäre das ja schon ein Ding gewesen. Ohne Hose auf der Reither Spitze. Ach, lassen wir das …