Corona-Gedanken, Teil V: Die Zahlen steigen

Im vergangenen Blogtext ging es meinungsstark zur Sache. Steffen ärgerte sich über eine taz-Kolumnistin. Ich dachte mir jetzt: Muss ja nicht jede Woche bierernst zugehen, schreibst du mal was Lustiges. Und dann habe ich auf die Zahlen geschaut. Deshalb, liebe ständig wachsende Fangemeinde, bekommst du schon wieder eine Meinung gegeigt. Und zwar meine! 

Von Nico Bensing

Die Zahlen steigen und steigen. Damit meine ich einerseits die der Leser von Steffens Kommentar aus der vergangenen Woche. In seinem Text „Das geht gar nicht!“ ärgerte er sich darüber, dass die taz-Schreiberin Hengameh Yaghoobifarah in ihrer – möglicherweise – satirischen (so recht ist das nicht herauszulesen) Kolumne gleich eine ganze Berufsgruppe auf den Müll schmeißen will. Interessante Pointe übrigens, dass die taz-Redaktion nun schon zum zweiten Mal in ihrer Geschichte um Polizeischutz bitten musste. Wobei ich nicht falsch verstanden werden will: Drohungen gegenüber Journalisten oder wem auch immer sind aus meiner Sicht genauso inakzeptabel wie plumpe Stimmungsmache, die sich hinter dem Deckmantel von Kunst, Pressefreiheit oder Satire verstecken will. Jedenfalls gehört Steffens Text schon jetzt zu den Top Fünf des Jahres 2020 – Tendenz steigend.

Ich spreche aber auch von anderen Zahlen – und zwar von den Zahlen, die die Welt beherrschen: Allein gestern gab es knapp 180.000 Corona-Neuinfektionen, am 28. Juni sogar fast 200.000. Weltweit sind wir bei fast elf Millionen Infizierten, eine halbe Million sind schon an dem Virus gestorben. Ebenfalls Tendenz steigend.

Dabei könnten wir natürlich abschätzig auf die USA schauen, wo nicht einmal der Präsident den Ernst der Lage erkannt hat. Die Zahl der Präsidenten-Gegner steigt ebenfalls. Aber wir müssen gar nicht so weit weg schauen. Denn ein Blick in jeden beliebigen Biergarten, in jede beliebige Kneipe oder jeden beliebigen Badesee in Deutschland reicht vollkommen aus, um sich wieder die Frage zu stellen: Denken die Leute etwa, es sei schon überstanden? Die Sehnsucht nach Normalität ist durchaus nachvollziehbar – die habe ich auch –, aber klar ist doch: Noch ist gar nichts wieder normal.

Besonders erschüttert bin ich über manche Bekannte, die sich in diesen Zeiten von einer anderen Seite zeigen und das alles für ganz großen Humbug halten. Ja, auch die Zahl der Verschwörungstheoretiker scheint zu steigen. Manche behaupten tatsächlich, das Ganze sei initiiert von Microsoft-Gründer Bill Gates, der uns einen Überwachungschip einpflanzen will. Lass ich jetzt einfach mal so stehen.

Ich jedenfalls kenne mindestens einen, der an Covid-19 erkrankt war. Er hat es glücklicherweise überstanden, mir aber bestätigt: „Es war ein Gang durch die Hölle.“ Ihm war so heiß, dass er dachte, er verbrenne. Und er hatte heftige Panikattacken, weil er dachte, er ersticke. Klingt für mich jedenfalls nicht nach Spaß. Ja, ich gebe zu: Ich kenne auch jemanden, der es hatte, und einfach nahezu nichts gespürt hat. Leichte Grippesymptome, das war’s. Dennoch: Ich hoffe, dass die Zahl meiner Bekannten, die sich infizieren, nicht steigt.

Und wie es um einen selbst bestellt ist, das weiß man halt erst, wenn man’s hat. Außerdem: Man weiß auch nicht, wie es um denjenigen bestellt ist, den man vielleicht ansteckt, wenn man zu leichtsinnig ist.

Es steigen ganz schön viele Zahlen dieser Tage. Manche sind gut, manche sind schlecht. Liebe ständig wachsende Fangemeinde, ich hoffe deine Zahl steigt weiterhin so rasant wie in den vergangenen zweieinhalb Jahren von Bensing & Reith. Und ich hoffe: Du bist kein Corona-Verschwörungstheoretiker, sondern gehst respektvoll damit um.

Übrigens: Die Folgeschäden sind bislang nicht absehbar. Schädigt die Corona-Erkrankung nachhaltig die Leber, die Niere – sogar das Hirn? Alles noch unklar. Ich jedenfalls will es nicht darauf anlegen und dann mit meiner Gesundheit die Zeche – Achtung, Wortwitz – zahlen.