Sensation: Arbeitsunfall im Gedankenturm

Tja, liebe ständig wachsende Fangemeinde, so ist das. Zweimal starke Meinungsbeiträge veröffentlicht und schon ist die Zahl unserer Follower noch mal gestiegen. Dazu jede Menge Kommentare zu den Texten auf der Homepage und den Social-Media-Kanälen. So muss es sein. Da ist es doch vollkommen logisch, dass wir dieses Mal … was anderes machen. Ich plaudere mal wieder ein wenig aus dem Nähkästchen.

Von Steffen Reith

Wir sind ja viel unterwegs. Beziehungsweise Kollege Nico ist viel unterwegs. Während er einen Termin nach dem anderen abreißt, halte ich hier im Gedankenturm die Stellung. Mache Telefonservice, organisiere, schreibe Rechnungen – alles, was eine gute Bürokraft halt so macht. Dabei war das bei Firmengründung ganz anders vorgesehen – aber das ist eine andere Geschichte. Neulich, als ich ein wenig aufbegehrte und auch mal mit raus wollte, erklärte mir der Kollege, dass ich aufgrund meines Alters ja Corona-Risikopatient sei. Außerdem sei meine Vorzeigbarkeit mit dem Überschreiten der 50 ohnehin deutlich geschrumpft.

Man soll die jungen Leute ja machen lassen. Aber zwischenzeitlich war ich hier im Turm schon ein wenig vereinsamt, zumal der Kundenverkehr aufgrund von Corona sich weitgehend auf Telefon- und Videokonferenzen beschränkt hatte. Gut, dass mein Vater Eier von glücklichen Hühnern veräußert. So habe ich mich zwischenzeitlich halt ein wenig mit seinen Kunden unterhalten. Übrigens: Zehn tolle Eier aus dem Hause Reith kosten drei Euro. Sie können in der Gedankenturm-Allee erworben werden. Damit haben wir auch den Werbeblock abgeschlossen.

Zurück zum Kollegen Bensing. Er ist halt viel unterwegs. Deswegen freue ich mich schon, wenn er sich ankündigt. Wie eine Oma, die ihren Enkel aus Amerika erwartet. Ich koche dann schon mal Kaffee, besorge Stückchen und sorge generell dafür, dass der Kollege sich am Arbeitsplatz wohlfühlt. Er weiß das auch durchaus zu honorieren. Aber irgendwie fremdelt er ein bisschen. So schaut er manchmal in Schränke und Schubladen und durchforstet den Inhalt. So, als hätte er das Zeugs noch nie gesehen.

Und dann wieder bereitet er mir bei seinen Stippvisiten noch ein schlechtes Gewissen. Räumt den Küchentisch, die Butterstube und den Seminarraum auf, spült und macht Ablage. Bloß, weil ich vor lauter Arbeit einige Wochen keine Zeit für diese Dinge hatte.

Kürzlich hat sich eine Geschichte zugetragen, die ich so schnell und wahrscheinlich gar nicht vergessen werde. Nico war den ganzen Tag im Büro. Nein, das ist nicht schon die Story. Ich weiß schon, dass es etwas mehr für dich braucht, du ständig anspruchsvoller werdende Fangemeinde.

Also: Bensing und Reith schafften so vor sich hin, als es plötzlich einen fürchterlichen Schlag tat. Erst dachte ich, ein Zug habe sich verfahren, ehe ich hochschaute und der Kollege gegenüber nicht mehr zu sehen war. Ich fand ihn dann am Boden liegend in der Nähe des Heizkörpers. Er war – man kann es kaum glauben – vom Stuhl gefallen. Aber so richtig. Ich wusste erst gar nicht, wie ich reagieren sollte: Nur Fotos machen oder gar ein Video drehen? Nachdem ich auch kein Blut gefunden hatte, entschied ich mich für ein lautes, dröhnendes Lachen – und zückte das Handy. Da lag er  mitsamt Stuhl da wie ein Häufchen Elend. Aber außer Prellungen und einem Rippenanbruch hatte er keine größeren Schäden davongetragen.

Die Unfallrekonstruktion ergab, dass die Rollen des Stuhls vom Teppich abkamen und auf die weißen Steinfließen gerieten. Von dort ging es im wahrsten Sinne des Wortes ab. Und mangels guter Körperkoordination konnte er sich halt nicht mehr halten. Blöd für ihn, gut für unseren Blog.

Statt tröstender Worte gab es von mir eine Ermahnung: „Komm halt öfter wieder in den Turm“, sagte ich: „Dann klappt das auch wieder mit dem geregelten Stuhlgang.“

Geiler Spruch, gell, oh du ständig wachsende Fangemeinde? Genesungswünsche und andere Arten von Bekundungen sind jederzeit willkommen. Jedenfalls ist er seit diesem Crash wieder öfter hier im Office zu sehen. Und statt Stückchen oder Kaffee bekommt er jetzt zum Start in den Tag einen Helm, ein Suspensorium und einen Rückenprotektor angezogen – und zum Frühstück eine prophylaktische Ibu 600. Man muss ja bei ihm mit allem rechnen.