Der Taubertal-Orkan

Als ich vor ziemlich genau einem Jahr an dieser Stelle schrieb, war ich traurig und leicht depressiv. Das Taubertal-Festival war gerade zu Ende gegangen, und ich hatte den Festival-Blues. Nun ja, was soll ich sagen: Vergangenes Wochenende stand das Taubertal-Festival wieder an. Und aus dem Blues ist ein Orkan geworden.

Von Nico Bensing

Liebe stetig wachsende Fangemeinde, bist du bereit für die volle Dröhnung? Ich jedenfalls war es, als ich vergangenes Wochenende auf dem Taubertal-Festival war. Und genau diese Dröhnung sollte ich auch bekommen, allerdings anders als erwartet.

Meine Kumpels waren schon am Mittwoch angereist. Ich durfte nicht. War ja schließlich gerade erst vom Jakobsweg zurückgekehrt, Kollege Steffen wollte ein bisschen Zeit mit mir verbringen, bevor ich schon wieder abhaue. Verstehe ich natürlich!

Nachdem ich mich dann aber am Donnerstagabend doch loseisen konnte, machte ich mich auf den Weg nach Rothenburg ob der Tauber. Ich mag das Taubertal-Festival sehr. Es ist nicht so groß wie beispielsweise Rock am Ring, dadurch persönlicher, ehrlicher und schnuckeliger. Wie ich quasi. Nicht so groß wie Kollege Steffen, dafür schnuckeliger. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Anfahrt und vor allem die Ankunft gestalteten sich äußerst einfach, denn ich hatte ja eine Presse-Akkreditierung. Das heißt: kein stundenlanges Schlange stehen für den Bensing, sondern mit der Parkkarte in der Windschutzscheibe einfach durchgewinkt werden. Ein Leben auf der Überholspur, quasi. So wie ich das gewohnt bin.

Dieses Hochgefühl relativierte sich allerdings recht schnell, als ich feststellte, wo sich der Parkplatz befand: circa 1,5 Kilometer von meinen Kumpels und meinem Zeltplatz entfernt – bergauf. Also packte ich mich voll – Rucksack, Zelt, Isomatte, noch eine Isomatte für Spezi Jens und noch ein paar Sachen mehr. Die eineinhalb Kilometer waren gar nicht so schlimm wie befürchtet, ich bin ja schließlich im Training. Und Berge könnte ich ohnehin den ganzen Tag laufen.

Übrigens: Nachdem ich für 280 Kilometer unlängst knapp zwei Wochen gebraucht hatte, freute ich mich sehr darüber, die 160 Kilometer von Wallroth nach Rothenburg o. d. T. in weniger als zwei Stunden hinter mich gebracht zu haben. Solche Dinge weiß man plötzlich ganz anders zu schätzen.

Angekommen am Zeltplatz wurden mir sämtliche Aufbauarbeiten erst mal strikt verboten. „Nico, trink erst mal ein Bier. Nüchtern bist du unerträglich.“ Das würde ich so jetzt nicht unterschreiben. Ich wollte mich folglich wehren, hatte nach den harten 1,5 Kilometern bergauf allerdings keine Kraft mehr für Widerrede. Deshalb trank ich das Bier. Anschließend ging es zum ersten Konzert.

Und an dieser Stelle möchte ich erwähnen und den beiden Jungs Urbi und Holgi herzlich danken, dass sie mir Obdach in ihrem unverschämt großen Zelt gewährten. Zum Zeltaufbau sollte es nämlich das ganze Wochenende nicht kommen.

Der Tag darauf war der beste – und der schlechteste: Die Band „Milliarden“ spielte auf der Nebenbühne und rotzte dermaßen ordentlich aufs Parkett, dass ich meinen Hut im Moshpit verlor. Das Foto zu diesem Text ist übrigens von genau diesem Konzert. Darauf zu sehen: Spezi Jens (der Genießer mit den geschlossenen Augen) und mein alter, alter Freund Christian (oberkörperfrei, brüllend, Arm in Arm mit dem Bensing). Nicht darauf zu sehen: mein Hut.

Alles gut, also? Mitnichten. Der späte Freitagabend sollte alles verändern. Denn es gab eine Unwetterwarnung! Und dieser folgte die Komplettabsage sämtlicher Bands für den restlichen Freitag.

Liebe Fangemeinde, hast du schon mal „The Offspring“ live gesehen? Ich Gott sei dank schon. Ich hätte sie aber gern noch mal gesehen. Das fiel jedoch ins Wasser. Oder in den Sturm. Die Besucher wurden mit Shuttlebussen in eine Mehrzweckhalle gekarrt, alle sollten sich in ihr Auto verkriechen. Wer kein’s hatte, sollte sich Obdach in einem fremden Wagen suchen. Und dann ging’s los: Sturm! Blitz! Donner!

An uns flog ein Zelt vorbei. Und ein Pavillon. Unser Pavillon. Verdammt! Außerdem mehrere Gartenstühle. Einige Festival-Besucher wurden sogar von umherfliegenden Gegenständen verletzt, konnte man tags darauf lesen.

Am nächsten Tag stand für mich fest: Ich fahre noch heute nach Hause. Schnauze voll! Außerdem wollte ich am Sonntag unbedingt noch ein bisschen arbeiten (Ich liebe schließlich meinen Job!) – und Fußball spielen. Endlich mal wieder Fußball spielen. Ist ja ne Weile her, war bekanntlich lange weg. Beim nunmehr dritten Pflichtspiel meines neuen Vereins Kressenbach/Ulmbach sollte ich es also endlich auch mal auf den Spielberichtsbogen schaffen. Da die meisten mich aber gar nicht mehr wiedererkannten, weil ich so lange weg war, musste ich erst mal auf der Bank Platz nehmen. Hat aber auch nichts genutzt: Wir verloren das Spiel mit 1:2. Immerhin konnte mein ehemaliger Verein, die SG Helvetia Kerzell, Punkte sammeln. Das freut mich sehr.

Dennoch: Ein bisschen den Blues habe ich schon, liebe stetig wachsende Fangemeinde. Das Taubertal verfrüht verlassen, und beim Fußball verloren. Aber: Zum Glück ist bald wieder Sonntag. Das heißt: Neues Spiel, neues Glück! Vielleicht gewinnen wir ja diesmal. Dann hört ihr kein Gejammer mehr von mir. Versprochen!

Genießt das Wochenende und lasst es euch gutgehen!