tatort-kritik bensing und reith

Nico und der Mainzer Tatort

Ostermontagabend. Nachdem ich gerade von meinem zweiten Fußballspiel am Osterwochenende voller Stolz und zugleich schmerzerfüllt zurückgekehrt bin, entscheide ich mich für Couch. Und Fernsehen. Und da ich für meine alte Studienstadt Mainz immer noch sehr viel übrig habe, liegt die Entscheidung für den Tatort nahe. Denn der hat Gastspiel in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt. Hätte ich das mal lieber bleiben lassen. Eine wohldosierte Tatort-Kritik meinerseits.

Von Nico Bensing

Neun Millionen Zuschauer haben am Ostermontag den ARD-Krimi geschaut. Ich war einer von ihnen. Äußerst erschöpft und mit einer ganz arg schlimmen Zerrung im Oberschenkel sowie einem angeschwollenen Knöchel (unten in den Kommentaren könnt ihr mich gern bemitleiden, so was hilft mir) liege ich auf der Couch und finde einfach nicht die richtige Position, in der ich mich und mein Leid einigermaßen ertragen kann.

Immerhin läuft der Tatort, denke ich mir. Im TV ermittelt Heike Makatsch zum zweiten Mal nach 2016. Doch Moment! Schon vor zwei Jahren war die ruppige und stets miesepetrig gelaunte Kommissarin dermaßen schlecht, dass selbst der schöne Breisgau, in dem sie ermittelte, wie Quasimodo aussah.

Als Kameramann Martin Farkas allerdings die Rolltreppen im Mainzer Bahnhof herunter fährt, vergesse ich meine Sorgen. Mainz ist ja auch viel schöner als Freiburg. In mir kommen prompt haufenweise alte Erinnerungen hoch: Mainz, die Stadt, in der ich einst studiert habe (Ist tatsächlich schon ne Weile her). Die Stadt meines ersten Kusses (fast) und meines ersten Suffs (auch fast). Hach!

Zurück zum Tatort. Worum geht’s? Im Prinzip sind alle Klischees vertreten: Makatsch mimt die überforderte Mutter Ellen Berlinger, die mit Gefühlen mal so gar nichts anfangen kann und die ihre Affäre, den Kindergärtner Bassi (Lucas Prisor), ein ums andere Mal vor den Kopf stößt und zum Babysitter degradiert. Dazu kommt noch ein wunderlicher 13-Jähriger (Luis August Kurecki), der das Asperger-Syndrom hat, sowie dessen 15-jähriger Freund, dem er klischeebewusst Nachhilfe gibt. Fehlt eigentlich nur noch ein Mafioso mit plumpem italienischen Dialekt und – klar – ein totes Mädchen.

Plötzlich tut mir mein Oberschenkel nicht mehr weh, und auch mein dicker Knöchel ist beinahe vergessen. Viel schlimmer schmerzt mir jetzt nämlich der Kopf, der damit beschäftigt ist, die ganzen Schubladen wieder zuzumachen, die dieser Tatort aufgerissen hat.

Denn die Handlung ist noch schrecklicher als die Rollen: Das Mädchen ist tot, der 15-Jährige offenbar verliebt in sie, und der wunderliche Wunderknabe nicht mehr aufzufinden. Und während ich nach circa 20 Minuten den Täter und im Prinzip auch den kompletten Tathergang bereits erahne, warte ich dennoch pflichtschuldig die Auflösung ab. Und siehe da: Ich lag nicht falsch.

Einziger Lichtblick: „Ich hab ma‘ gehört, dass Frösche komplett abschalten, wenn es kalt wird“, beginnt Sebastian Blomberg als Ermittlerkollege Martin Rascher, der (ganz klischeebewusst) den melancholisch-depressiven Gegenpart zu Berlinger bildet. „Manchmal wünschte ich, ich könnte das auch.“ Ja, denke ich mir. Abschalten. Endlich sagt’s mal einer.

Matthias Dell von „Zeit Online“ findet, man habe es an diesem Ostermontag mit einem ARD-Sonntagabendkrimi im gehobenen Durchschnitt zu tun. Nico Bensing von „Bensing & Reith“ findet: am Arsch. Dieser Tatort war einer der schwächsten, den ich seit langer Zeit gesehen habe.

  • Lisa Laibach

    Lieber Nico,

    so, zu allererst kommt nun das geforderte Mitleid! Du Armer, Armer 😉

    Ganz so hart wie deine Tatort-Kritik fällt meine aber nicht aus – vielleicht liegt das daran, dass auch ich endlich mal vor dem Abspann wusste, wer der Täter ist. Manchmal braucht es halt Erfolg im Leben. Auch wenn es nur beim sonntäglichen (diesmal montäglichen) Tatortschauen ist 😀

    Außerdem wollte ich euch beiden sagen, dass ich eure Arbeit wirklich toll finde! Eure Artikel sind erfrischend und sehr oft sehr amüsant. Macht weiter so 🙂

    Lisa

    • Nico Bensing

      Liebe Lisa,
      herzlichen Dank. Vor allem für dein Mitgefühl, aber auch für das dicke Lob. 🙂

      Ich muss zugeben: Wir haben wirklich auch Spaß an unserer Arbeit, das macht vieles leichter. Und vielleicht gestaltet sich die nächste Tatort-Kritik ja auch etwas sanfter. Willst du die nicht mal machen? Was hältst du von einem Gastbeitrag für uns? 😀

      Lieben Gruß
      Nico

      • Lisa Laibach

        Man merkt auch, dass ihr Spaß habt. Das ist die Hauptsache – ohne wäre es ja auch doof!

        Ja, gerne 🙂 Vielleicht kommt irgendwann auch mal ein Tatort, der wirklich lobenswert ist 😉

        Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, bis (hoffentlich) Montag 🙂

        • Nico Bensing

          Dito ein schönes Wochenende. Und ja, bis Montag, liebe Lisa. Dann können wir über Janneke und Brix sprechen, die ermitteln nämlich am Sonntagabend. 🙂

  • Karsten Klauschke

    Danke für den netten Beitrag zu Deinem Montag Abend. Deine fußballerischen „Schmerzen“ kann ich nicht navollziehen, da ich zu meiner aktiven Zeit diese verursacht habe. Deine Kritik zum Tatort habe ich mit viel Freude gelesen. Ich mag deinen Style zu schreiben, auch als nicht Tatort gucker. Mitleid kriegste trotzdem nicht. Weiter so bitte.

    • Nico Bensing

      Hallo Karsten,
      Danke für die netten Worte. Ich glaube, ich hätte dich gern in meiner Mannschaft. Auf jeden Fall hätte ich dich nicht gern als Gegner. 🙂